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Vom Irrglauben des Glaubens

oder: Meine Meinung zu den Anschlägen in Paris am 13. November 2015.

Als „Ungläubigem“ fallen einem manche Dinge im Leben leichter als gottesfürchtigen Menschen. Zum Beispiel die Feststellung zu treffen, dass Menschen, die auf Grund der Interpretation ihrer Religion andere Menschen töten, nicht ganz richtig im Kopf sein können und dermaßen verquaste Vorstellungen von Ethik und Moral (mitunter blind) propagieren, das alles zu spät ist.

Manche Leute meinen, ich habe nicht alle Tassen im Schrank – Was für’n Schrank?

Edgar Wasser – The Champ is here!

Die wünschens- und erstrebenswerte Selbstreflektion fällt an dieser Stelle komplett weg und wird durch die Projektion einer dritten, unsichtbaren Macht auf sich selbst (Gott und dessen Wille) ersetzt. Das ist der Punkt, an dem es die „Gläubigen“ dann auf einmal um ein vielfaches einfacher haben. Anstatt sich selbst um ein vernünftiges Weltbild zu kümmern, das im großen und ganzen altruistische Züge aufweist, kann man sich auf das Wort Gottes stützen.

Weil dieses Wort – abhängig von Religion zu Religion und innerhalb derer abhängig von Splittergruppe zu Splittergruppe – aber so uneindeutig wie möglich in Schriftform überliefert wurde, benötigt es besonders begabte Menschen, die das Wort korrekt interpretieren. Dass das ganze zu einer überspitzten Form des Kommunismus à la Orwells Farm der Tiere führt, brauche ich hier wohl nicht weiter ausführen. Begabung könnte man an der Stelle auch mit Machthunger austauschen.

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.

George Orwell – Farm der Tiere

Um den entscheidenden Widerspruch darin zu erkennen, bedarf es keiner gehirnakrobatischen Höchstleistung. Aber eben eine Abkehr von der Doktrin derer, denen man im Glauben folgt. Und damit ggf. einer Abkehr von Gott, der eigenen Familie und Bekannten – je nachdem wie vehement man sein Glaubenssystem in Bezug auf die soziale Integration vertreten mag oder eben muss. Die vielen Stellen, an denen das offenkundigster Schwachsinn ist, sobald mich mein Glaubenssystem beim Zusammenleben mit anderen im Alltag behindert, die lasse ich hier einmal außen vor. Wo es richtig schlimm wird, sind die Zeitpunkte an denen die Übersetzer des spirituellen Wortes zu dem Schluss kommen, die Ungläubigen müssen sterben.

Um das an der Stelle einmal klarzustellen: das soll keine Hetze gegen Menschen sein, die einer Religion nachhängen. Unter Religion verstehe ich allgemein Wertesysteme. Auch die „liberale Marktwirtschaft“ und von ihr abstammende Strömungen sehe ich in diesem Kontext als Religionen. Und auch deren religiöse Führer (die sich allzugern als weltliche tarnen) befehlen Krieg, um das eigene Wertesystem zu erhalten oder zu verbreiten, mit katastrophalen Auswirkungen auf an sich unbeteiligte Menschenleben.

Jeder, der einmal die Auswirkungen des Krieges unmittelbar miterlebt hat, muss unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass das in keinster Weise die Absicht eines den Menschen wohlgesonnenen Geistes sein kann und vor allem niemals sein darf. Man kann vom Pazifismus halten was man will, zum Beispiel dieses:

Der Pazifismus der dreißiger Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.

Heiner Geißler in einer Bundestagsdebatte am 15. Juni 1983

und da hat er sicherlich nicht unrecht, denn wenn man die Nationalsozialisten nicht hätte gewähren lassen und ihre Expansionstriebe schon frühzeitig unterbunden worden wären, dann hätte sich vielleicht vieles anders entwickelt. Es geht auch nicht darum, dass man Gewalt und Unrecht tolerieren soll. Es geht darum dass man dem in Entstehung befindlichen Unrecht entschlossen, mit Vehemenz und ohne Rücksicht auf das eigene Wohl entgegentreten soll, sofern man den Mut dazu hat. Das Töten eines Menschen kann niemals Recht sein, um in der Analogie Orwells von oben zu bleiben, bedeutet dies, dass derjenige, der einen anderen umbringt sich in dem Moment über denjenigen stellt den er umbringt. Und wenn doch all diese Weltreligionen behaupten, Gott hätte all dies und jenes erschaffen und die Menschen ggf. nach seinem Bilde – wie kann es dann sein, das eine Gruppe von Menschen über Leib und Wohl einer anderen Gruppe entscheiden darf, nur weil die eine Gruppe nachts den Mond ankläfft und die andere Gruppe sich morgens vor der Sonne verbeugt?

Kurzum: es gibt Dinge, die man im Leben nicht akzeptieren darf. Ignoranz, Hass und Gewalt bringen niemanden weiter. Im Gegenteil – sie führen geradlinig zurück in die Richtung, aus der wir kommen und zwar mit ungleich höherem Tempo als wir es dorthin geschafft haben, wo wir uns mometan befinden. Das ist auch indirekt das Ziel derer, die in unserer Mitte Hass und Gewalt schüren. Das Aufzeigen des Versagens unserer „Zivilisation“.

So gerne ich auch Witze über unsere froschverzehrenden Freunde im Westen mache, ich hoffe sie sind in Anbetracht der Ereignisse weise genug, um zu akzeptieren, dass es keine hundertprozentige Sicherheit geben kann – schon gar nicht in einer freiheitlich orientierten Gesellschaft – und ich hoffe um der Freiheit der europäischen, sowie insbesondere der französische Bürger willens, dass sie in ihrer Trauer nicht in Panik verfallen. Man muss mutig genug sein, der zu Felde getragenen Idiotie mit Offenheit zu begegnen und versuchen, die geistig stumpfen Waffen der Gegner der Freiheit mit denen des Intellekts zu schlagen. Auch auf die Gefahr hin, dass das nicht gelingt. Aber so muss man sich wenigstens nicht selbst die Blöße geben vor der Dummheit anderer mit dem Zeigen von eigener Dummheit zu kapitulieren.

Le bon blé porte bien l’ivraie. [Das gute Korn verträgt das Unkraut]

Sprichwort

An der Stelle sei jedem, den es interessiert die sehr kurze Schrift „Empört Euch!“ (Originalausgabe: „Indignez-vous!“) von Stéphane Hessel ans Herz gelegt, in dem er zur Empörung über die Aspekte in unserer westlichen Welt aufruft, die trotz relativer Freiheit eher suboptimal gestaltet sind und die vor allem gegen die Toleranz von Unrecht gerichtet ist. Die oberflächliche Abhandlung der Thematik bitte ich auf Grund der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit zu entschuldigen.

Header-Bild basierend auf „European Panorama at Night (NASA, International Space Station, 01/22/12)“ von NASA Marshall Space Flight Center, CC-BY-NC-20
Published inVolksopioide

Ein Kommentar

  1. Xhinde Xhinde

    A good read… As usual. Let us hope this won’t end bad, shall we…

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