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The Revenant

Um die Gelegenheit direkt beim Schopf zu packen: allen Lesern ein verspätetes, aber dennoch frohes neues Jahr 2016!

Zurück zum Thema. The Revenant, der neueste Streifen des katalanischen mexikanischen Regisseurs Alejandro Iñárritu, läuft seit dieser Woche in den deutschen Kinos. Ich habe mich gestern mit einem Bademantelträger in das lokale Lichtspielhaus begeben (das im Saal Centro gelinde gesagt eine bescheidene Beinfreiheit für Menschen in Größe 189cm+ bereitstellt, vor allem bei knapp 160 Minuten Film), um die hochgelobte Arbeit des Teams Innariitu / Emmanuel Lubezki (Kamera) zu bestaunen.

Und zu bestaunen sind bei diesem Werk neben einer durchaus herausragenden Leistung von Leonardo DiCaprio, der sich über die Jahre immer mehr zu einem Schauspieler von großem Kaliber gemausert hat und einen ebenso hervorragenden Tom Hardy als Antagonisten entgegengestellt bekommt, vor allem die von der Kamera eingfangenen Bilder. In großzügigen und voluminösen Weitwinkelaufnahmen suggerieren sie dem Betrachter immer wieder die Weite und die Macht der Natur in großartiger Bildgewalt und führen so in Verbindung mit dem Plot immer wieder die Einsamkeit der in der Explorationsphase befindlichen nordamerikanischen Wildnis vor Augen.

Um das negative gleich vorweg loszuwerden: die schwächste Seite des Filmes ist meiner Meinung nach der Plot, der „auf wahren Begebenheiten beruhend“ (wenn ich diesen Satz schon höre, bekomme ich Blutdruck), durchaus einem billig produzierten HongKong-Eastern der 70er Jahre entlehnt sein könnte.

Du hast mein(e|n) <Verwandschaftsgrad des getöteten Familienmitglieds hier einsetzen> umgebracht, dafür musst du sterben!

Generische Handlung eines Eastern

Mit diesem einfachen Satz lässt sich leider die gesamte Filmhandlung dieses modernen Rache-Thrillers in wenigen und unbedeutenden Worten zusammenfassen und wiedergeben. Was den Film rettet sind allein die Akteure auf der Leinwand, die musikalische Untermalung und – wie oben angedeutet – die phänomenale Bildästhetik, die alles das, was der Plot nicht zu liefern vermag durch mehr oder weniger metaphorische Bildsprache zu ersetzen weiß und sich zwischen einer zwischen beklemmenden und inhärent schönen Optik hin- und her bewegt. All das fesselt den Zuschauer, trotz der Defizite an der Komplexitätsfront des Drehbuches.

Der Clue an der Sache ist selbstverständlich das Husarenstück, all diese Bilder ohne künstliche Beleuchtung eingefangen zu haben (vgl. Kubricks Barry Lyndon). Von dem ersten Moment an wirkten die Bilder auf mich ungleich magischer. Und wenn die Körnigkeit des Films in Szenen mit Fackelbeleuchtung mitten in einem Wald schon fast schmerzhaft anmutende Ausmaße annimmt, dann potenziert es die Ehrlichkeit und für mich die sogen. „Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“ (engl. Suspension of Disbelief). Es ist egal, wie unglaublich die Geschichte des Schwerstverletzten, sich alleine durch die Wildnis schleppenden Protagonisten ist, weil die Augen durch die man das Gesehene wahrnimmt so unglaublich ehrlich erscheinen. So ehrlich, dass die Produktion sogar die Kamera durch den Atem der Hauptperson beschlagen lässt.

Was der Film sicherlich nicht ist, ist ein leichtes Stück Unterhaltung der einfacheren Art, aber der Kinogänger der nach Biutiful oder Birdman etwas anderes von diesem Regisseur erwartet hat, ist vermutlich fehl am Platze. Der Film ist nicht einfach, wie oben beschrieben weniger aufgrund des Themas – eher aufgrund des Gesamtbildes. Ein Gesamtbild, das ehrlich und hart ist. Die dynamische Kamera wird dabei oftmals von einer spritzig-roten Farbgebung des Filmmaterials begleitet und steigt direkt zu Beginn des Filmes in ein recht herbes Gemetzel ein. Auch hinter den Kulissen muss es sehr rau zugegangen sein, da Iñárritu neben dem natürlichen Licht wohl auch darauf bestanden hat, den Film in chronologischer Reihenfolge zu drehen. Das und die vielen Szenen in denen eisige Flüsse/Bäche durchwatet werden haben der Crew vor und hinter der Kamera sicherlich einiges abverlangt.

Fazit

Trotz der etwas höheren Länge des Streifens war er dennoch nicht langatmig und hat gekonnt unterhalten. Scheinbar kommen Abenteuer/Wildnis/Western-Filme momentan wieder in Mode, Bone Tomahawk war zuletzt auf den FFF White Nights ebenfalls ein Film, der in diese geschichtliche Kerbe des amerikanischen Kontinents geschlagen hat. Tarantinos Hateful Eight wird demnächst in Schland anlaufen. Mich freut dabei die – bis dato – exzellente Qualität dieser Filme. Allerdings hat Iñárritu die Messlatte von einem handwerklichen Standpunkt aus betrachtet immens hoch gelegt. Trotz eklatanter Plot-Schwäche würde ich The Revenant mit einer exzellenten 9/10 bewerten und kann jedem halbwegs Interessierten nur einen Gang ins Kino ans Herz legen. Im Heimkinobereich dürfte einiges an der Wirkung der Bilder verloren gehen, was bei dem Wagemut der Produktion sehr, sehr schade wäre.

Published inBewegtbilder