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LibreELEC

Grundsätzliches

Die Wahl eines MediaCenters ist im Jahr 2016 eher binärer Natur. Windows MediaCenter ist in Vergessenheit geraten. Übrig geblieben sind für Sammler von Medien aller Art Kodi (ehemals XBMC) und Plex. Die Zielgruppen sind dabei leicht diversifiziert. Kodi dient als reines Offline-MediaCenter, das am besten direkt über einen HTPC (oder einen preiswerten SoC) am Ort des Medienkonsums ausgeführt wird. Plex verfolgt hingegen den Ansatz des vernetzten Medienkonsums auf allen Endgeräten (inkl. Transkodierung der Inhalte, etc.) mit einer Server-Client-Infrastruktur. Da ich außerhalb meiner vier Wände keine Filme anschaue und ich ursprünglich XBMC auf meiner Xbox als Dashboard verwendete und XBMC zumindest „ein bißchen“ auf der Wii funktionierte, bin ich folglich aus der Historie heraus bei Kodi hängen geblieben.

Nach der Wahl des MediaCenters braucht der geneigte Nutzer aber auch noch den entsprechenden Betriebssystem-Unterbau. Hier betreten OpenELEC und sein Fork LibreELEC die Bühne. Prinzipiell ist Kodi auf jedem gängigen Client-OS verwendbar (Linux inkl. Android, Windows, OS X). Das Missionsziel von den beiden (Open- und Libre-) Embedded Linux Entertainment Centers ist aber, gerade genug OS zum Betrieb des MediaCenters zur Verfügung zu stellen. Das sorgt für schnelle Boot-Zeiten und einen effizienten, im Optimalfall weniger störungsanfälligen Programmbetrieb.

Politisches

Vor gut einem halben Jahr hat sich die judäische Volksfront LibreELEC von der Volksfront von Judäa OpenELEC abgespalten. Die Gründe waren ursprünglich in einem sehr amüsanten Artikel im Blog von LibreELEC anhand einer Band-Analogie dargelegt, leider hat sich der vergangenheitsbezogene Artikel verflüchtigt. Die Gründe für die Abspaltung waren nichtsdestotrotz personeller Natur. Prinzipiell war die Verantwortlichkeit bei OpenELEC monolithisch auf eine Person gelegt, diese hatte aber mehr eine eigene, undurchsichtige Agenda anstelle der des Teams verfolgt, woraufhin sich ein Großteil der unterstützenden personellen Infrastruktur ein neues Zuhause gesucht hat. Das schlägt sich auch in den erklärten Projektzielen nieder:

LibreELEC is governed by a project board elected from active team members to set project goals, priorities, and take executive decisions.

Kein personenkult-bezogenes Diktat sondern eine gewählte Militärjunta aus aktiven Entwicklern. Prinzipiell sympathisch. Abgesehen davon hat sich in Bezug auf die beteiligten Personen wie weiter oben erwähnt wenig getan. Es sind dieselben Verdächtigen, die bei OE davor dafür gesorgt haben, dass die Show weitergeht (und die dort jetzt – mutmaßlich – fehlen).

Technische Details

Die momentan verfügbare Version 7 von LibreELEC ist ungefähr das Äquivalent zu Version 6 bei OpenELEC. Beide kommen mit Kodi 16. Das darunterliegende Build-System wurde vom Team 1:1 übernommen (warum sollte man das Rad auch neu erfinden?), d.h. die gewohnt praktische Entwicklungsumgebung mit der man ohne Probleme eigene Builds mit Anpassungen / Patches etc. erstellen kann existiert weiter. Das ist insbesondere für die Verwendung von leistungsschwächeren SoCs interessant, da man sich um das Cross-Compiling keine Gedanken machen muss.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die Commits der letzten Monate auf den entsprechenden Github-Seiten zu vergleichen (LibreELEC siehe hier, OpenELEC siehe hier), vermute aber (so wurde mir das auch aus einer LibreELEC-Quelle bestätigt), dass sich die Projekte noch recht stark gegenseitig beeinflussen. In Bezug auf verwendete Komponenten wie z.B. Bibliotheken oder generelle systembedingte Abhängigkeiten könnte sich das Feld in dieser Hinsicht in Zukunft weiter aufteilen.

Als kleinen Vorteil von LibreELEC gegenüber OpenELEC kann man momentan allerdings bereits den verfügbaren USB/SD-Installer bezeichnen

LibeELEC USB-SD Creator

Er ermöglicht auch unbewanderten Benutzern das einfache Erzeugen eines entsprechenden Mediums um LE zu betreiben. Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Tool waren allerdings gemischter Natur. Auf meiner WeTek Play (OpenELEC-Version mit OE im internen Flash) erzeugte der Installer zwar einen SD-Karte, die Konfiguration passte aber nicht. Außer einem LibreELEC Boot-Splash und einer Fehlermeldung passierte zunächst nichts. Ein Update von OE zu LE über /storage/.update/ funktionierte problemlos.

Bei meiner Cubox-I erzeugte das Tool wie erwartet eine funktionierende SD-Karte, was sehr gut war. Ein In-Place-Upgrade schlug hier fehl. Größtes Manko an diesem Gerät: das Partitions-Resizing beim ersten Start schlug gehörig fehl. Der Journal-Dienst konnte nicht initialisiert werden, weshalb der initiale Boot ca. 5-6 Minuten brauchte und es waren anstelle von 3,6GB nur 32MB als Storage-Partition zugewiesen (die natürlich instant durch Einstellungen, AddOns, etc. belegt waren). Nach den entsprechenden Änderungen an der Partitionstabelle funktionierte auch hier alles anstandslos.

Auf meinen RPis habe ich LE noch nicht ausprobiert, die befinden sich allerdings gerade auch nicht im aktiven MediaCenter-Einsatz. Meine Vermutung ist, dass entweder das SD-Tool oder ein In-Place-Upgrade wie bei den anderen Geräten (noch) gut funktionieren werden. Irgendwann wird auch sicherlich bei OE vs LE der Punkt kommen, an dem die Kompatibilität nicht mehr gegeben ist (siehe OwnCloud und NextCloud).

Das Einrichten von TVHeadend (Backend und Client) funktionierte unter LibreELEC erstaunlich gut. Vermutlich lag das an der Version des AddOns. Unter OE habe ich Tage mit dem Versuch verbracht, eine einfache Senderliste zu erstellen.Das hat unter LE bemerkenswert gut funktioniert.

Vorläufiges Fazit

Generell ist die LE-Distribution im momentanen Stadium ähnlich flink (vielleicht etwas schneller) als OE. Die Entscheidung für oder gegen eine der beiden Distributionen ist momentan eher noch eine Bauch-Entscheidung. Für mich ist diese Entscheidung schnell getroffen – die Personen, die ich im Entwicklungsprozess von OE aus der Beobachterwarte kennen und schätzen lernen durfte, sind zu LE gewechselt. Das macht es hier einfach. Ansonsten muss ein Fork und damit Konkurrenz ja nicht per se schlecht sein. Ich hoffe für beide Projekte das beste und bin auf die jeweils nächste Version mit Kodi 17 gespannt.

Header-Bild: LibreELEC-Logo © LibreELEC-Team
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