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Nur Gott kann mich richten

Gestern im kleinen EM3 Nur Gott kann mich richten gesichtet. Es ist interessant, wie zielgruppenrelevant das EM3 wirkt, dadurch, dass es eben sehr, sehr, sehr klein ist. Auf deutsch gesagt: es erfordert nur eine geringe Anzahl Personen um den Eindruck zu erwecken, dass das Kino voll von <Angehörige einer beliebigen Randgruppe hier einfügen> ist.

Die Randgruppe des gestrigen Tages war dann passend zum Thema zwei bis drei Rasselbanden halbstarke Jugendliche, die der nicht sehr komplizierten Handlung immerhin – ihren lauten, verbalen Äußerungen nach – bis zum Ende des Filmes folgen konnten (abgesehen von zwei Kandidaten, die von der Komplexität des Stoffes leicht erschlagen schienen).

Negativ

  • der Soundtrack mit schlechtem deutschen Hip-Hop ist Geschmackssache. Ich fand deutschen Gangsterrap leider schon seit jeher sehr viel peinlicher, als das US-amerikanische Pendant. Hat mit Glaubwürdigkeit zu tun, wobei beides in den letzten Dekaden bis zum Erbrechen kommerzialisiert und damit unglaubwürdig wurde.
  • Die Besetzung ist an einigen Stellen missraten. Edin Hasanovic ist mit der Situation vor der Kamera zu agieren sichtlich überfordert. Birgit Minichmayr wirkte auf mich etwas zweidimensional, zu sehr als dass es ihre Hintergrundgeschichte zugelassen hätte. Mit Moritz Bleibtreu ist zwar ein exzellenter deutscher Schauspieler vor der Kamera vertreten, der fügt sich aber nicht ganz glatt in das schmutzige Bild ein, dass der Film zeichnen möchte.
  • Das bringt uns zum Stichwort Authentizität. Die Kritik an Bleibtreu liegt nicht unbedingt an seiner schauspielerischen Leistung, es sind eher die Dialoge, die ihm Herr Yildirim geschrieben hat, die mir persönlich in Kontrast zu den restlichen Protagonisten als zu hölzern aufgestoßen sind.
  • Originalität ist auch ein kleiner Schwachpunkt. Es wird viel von genretypischen Drogen/Gangsterfilmen kopiert und wiederverwendet. Das ist jetzt nur ein halber Kritikpunkt. Im Großen und Ganzen werden bestehende Themen solide verarbeitet. Besser, als das andere Filme aus deutscher Produktion sonst tun.

Positiv

  • Einige der Nebendarsteller waren sehr gut besetzt. Allen voran Peter Simonischek. Die beiden Albaner und der Russe waren gute Griffe aus mutmaßlich unbekannter Herkunft. Da hatte man den Eindruck, die hätte sie tatsächlich irgendwo in der Frankfurter Gosse ausgegraben.
  • Der Film hat sich die Zeit genommen, Motivationen darzustellen und sie mehr oder weniger interessant miteinander verwoben. Es war kein Heilsbringer in Form eines Episodenfilmes, aber er ist nicht rein linear an die Geschichte herangegangen.
  • Zwischendrin waren ein paar etwas für deutsches Kino herbere Gewalteinlagen gestreut. Wenn man am Tag davor Irréversible angeschaut hat, nichts was einen vom Hocker reisst, aber immerhin.

Fazit

Insgesamt ist es ein unterhaltsamer Film gewesen, der trotz (oder wegen?) der holprigen Art der Dialoge und der teilweise mangelnden Plastizität der Darsteller ein mehr oder minder dunkles Bild von verschiedenen gescheiterten Existenzen gezeichnet hat.

Er bleibt im ersten Moment unpolitisch, ist bei näherer Betrachtung meiner Meinung nach via der Protagonisten derer er sich bedient aber ein bewusster Spiegel der Gesellschaft, innerhalb derer er sich bewegt.

Der Film zeichnet die Chancen und die Abgründe einer multikulturellen Gesellschaft beiderseits (mit einer Betonung auf den Abgründen), ohne sie moralisch zu werten. Das ist vermutlich das, was ihn letztlich von einem 0815-Gangster-Film aus den USA abhebt und was ihn sehenswert macht. Der Wegfall kultureller/rassistischer oder gesellschaftlicher Kategorien und die Einbettung der Handlung in diesen Kontext ohne zu werten. Wobei die Ärztin, die Spenderorgane aus Osteuropa ankauft und illegal für eine kleine Spende an den Mann bringt dann doch etwas zu sehr übertrieben war. Egal.

Macht Spaß zum Anschauen, 7/10

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