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The Florida Project

Dienstag ist Schleich-Vorschau-Tag. Eingeschlichen hat sich heute Abend knapp drei Wochen vor dem offiziellen Start The Florida Project, eine Mischung aus Zurückversetzen in die eigene Kindheit und abgrundtief deprimierender sozialer Tragödie.

Ich bin immer noch ein wenig sprachlos angesichts der Art und Weise, wie der Film mit sich selbst und seiner Erzählweise umgeht. Zunächst ist die Kamera zu bemerken. Nahezu alles wird aus einer Perspektive gezeigt, die für Erwachsene sehr ungewohnt ist. Gebäude sind per Weitwinkel lächerlich riesig und man bewegt sich auf Augenhöhe eines sechsjährigen Kindes durch eine sehr seltsame Welt am Rande der amerikanischen Gesellschaft (ein Project ist eine Baumaßnahme oder auch anders ausgedrückt ein Sozialbau oder eine Wohngegend in einem sozialen Brennpunkt). Nahezu satirisch ist auch die Benennung der titelgebenden Bauten in Florida, die in Nähe zu Disney Land dann so klangvolle Namen tragen wie Arabian NightsFutureland und Magic Kingdom, aber doch realistisch betrachtet nicht weiter davon entfernt sein könnten wie es bereits die Fassaden signalisieren.

In der ersten Stunde nimmt einen der Film mit auf eine fabelhafte Reise durch eigene Kindheitserinnerungen. Das funktioniert vielschichtig über audiovisuelle Eindrücke, das Verhalten der Kinder und dem Charme der jungen Darsteller. Protagonist des Films ist Moonee (Brooklynn Prince), die zusammen mit ihren Freunden die nähere Umgebung des Wohnbaus unsicher macht, in dem sie mit ihrer vorbestraften Mutter Haley (Bria Vinaite) ein heruntergekommenes Zimmer bewohnt.

Hervorzuheben ist hier die unkonventionelle Art, in der der Film die Charaktere herausarbeitet. Anstatt ihnen Dialoge aufzuoktroyieren und eine gewöhnliche Handlungskette aufzubauen, folgt er lediglich aus einer objektiven Perspektive dem Geschehen und schöpft neben den schönen Bildern auch vor allem aus einer unglaublich charmanten, kleinen Hauptdarstellerin.

Trotz aller Fröhlichkeit und der Unbeschwertheit der (in den USA noch ungleich längeren) Sommerferien schwingt aber die Aussichtslosigkeit der Lage aus der Perspektive der Erwachsenenwelt mit. Da Haley ihre real existierenden Probleme selbst aber nicht allzu ernst nimmt (was teilweise im Alkohol- und Marihuana-Abusus verortbar sein mag) und die Geschichte von kindlicher Unbefangenheit stark überblendet wird, fällt dies zunächst nicht allzu sehr ins Gewicht.

Im nicht klar definiert abgetrennten zweiten Teil der Geschichte, tritt die Erwachsenenwelt etwas mehr in den Vordergrund. Um sich über Wasser zu halten und überhaupt die Miete bezahlen zu können versucht Haley alles vom Verkauf von Parfum vor Golfclubs bis hin zu Prostitution. Das dabei herauskristallisierte Sozialgefüge und der destruktive Einfluss des monetär ausgerichteten Wertesystems ohne soziale Netze wird gerade hier extrem drastisch hervorgehoben. Dabei hilft auch nicht, dass sich Manager Bobby (Willem Dafoe) für Haley einsetzt und offensichtlich wie der Zuschauer einen Narren an den Kindern gefressen hat.

Ohne jetzt noch weiter auf das tatsächliche Geschehen einzugehen, möchte ich den Film aber jedem empfehlen, der eine Kindheit hatte und sich noch an sie zu erinnern vermag. Und sowieso jedem, der gerne etwas unkonventionelleres Kino mag, bei dem einem die Handlung nicht wie ein Elefant auf die Nase gebunden wird.

Anhand der Reaktion des Publikums sicher nicht ein Film für jeden Anlass und für jeden Geschmack. Für mich war es meine erste 10/10 in 2018.

Published inBewegtbilder